Früher mein Lieblingsort, heute  Obdachlose, Punks und Drogendealer

Als es mich kurz vor Weihnachten 1989 mehr zufällig als geplant nach Berlin verschlug, lag die Stadt noch voll im Freudentaumel des Mauerfalls. Ich war 22 Jahre alt und bezog mit drei Freunden eine Schöneberger Altbauwohnung. Sehr rustikal mit Außenklo auf halber Treppe und einem mannshohen Kachelofen. Habe ich schon erwähnt, dass es sich um eine Einraum-Wohnung handelte? Dieser Umstand machte die Wohnung für uns zwar gut bezahlbar, brachte aber naturgemäß eine gewisse räumliche Enge mit sich. Das störte uns nicht weiter, da die Wohnung für uns nicht mehr als ein billiger Lagerraum mit Schlafgelegenheit war. Draußen tobte das Leben und „Schöner Wohnen“ war für mich nur der Name eines Lifestyle-Magazins, kein Anspruch an mein Zuhause. Ich lebte von Straßenmusik und gelegentlichen Auftritten bei kleinen Veranstaltungen. Nichts, um sich eine gesicherte Existenz aufzubauen, aber wer denkt schon in jungen Jahren an die Zukunft?

Seitdem sind fast 29 Jahre vergangen, viel Wasser ist die Spree hinabgeflossen und meine Liebe zu dieser Stadt ist ungebrochen. Es gibt viele Orte von Köpenick bis Spandau, mit denen ich besondere Erinnerungen verbinde – glücklicherweise überwiegend angenehme, die weniger schönen lassen wir hier mal außen vor. Besonders gerne denke ich an meine aktive Zeit im Nachbarschafts-Treff „Platzhaus“ zurück. Mitten im Bezirk Prenzlauer Berg liegt der Helmholtzplatz, dem das umliegende Areal den Namen „Helmholtzkiez“ verdankt. Schon kurz nach der Wende gab es erste Pläne für eine Neugestaltung des Platzes. Allerdings sollte es noch bis 1998 dauern, bevor die dafür erforderlichen Geldmittel flossen. In der Zwischenzeit war der Helmholtzplatz verwildert und zum Treff für Obdachlose, Punks und Drogendealer geworden. Dann ging alles recht schnell.

Zuerst wurden der brachliegende Bolzplatz und der Kinderspielplatz rekonstruiert und neu gestaltet. Danach ging es an die Instandsetzung der beiden Gebäude auf dem Platz. Aus dem ehemaligen Trafohäuschen wurde ein Second-Hand-Laden für Kindermode mit angeschlossener Aktionsgalerie. Und aus der heruntergekommenen Bedürfnisanstalt entstand unter Mithilfe einiger engagierter Anwohner das Platzhaus als Nachbarschaftstreff unter Leitung des Fördervereins Helmholtzplatz e.V.

Als ich Anfang des Jahres 2000 in die an den Helmholtzplatz angrenzende Dunckerstraße zog, war die Situation auf dem Platz angespannt. Viele der Punks und Obdachlosen hatten sich mit der neuen Situation arrangiert und blieben „ihrem“ Platz treu. Das wiederum war vielen der neu Zugezogenen ein Dorn im Auge: Sie wollten den Platz „sauber“ und frei von „Gesocks“, wie sie es aus Stuttgart oder München kannten. Bei den immer wieder aufflackernden Feindseligkeiten zwischen diesen beiden Lagern haben die Mitarbeiter des Platzhauses oft eine vermittelnde Rolle eingenommen.

Ich verbrachte viel Zeit auf dem Helmholtzplatz, ging mit meinem kleinen Sohn auf den Spielplatz und besuchte Veranstaltungen im und rund ums Platzhaus. Schließlich wurde ich 2002 Mitglied im Förderverein und begann bei der Vorbereitung und Durchführung von Events mitzuwirken. Nach und nach wurde das Platzhaus zu meinem zweiten Wohnzimmer: Ich probte dort einmal wöchentlich mit meiner Band, leitete einen Bastelkurs für Kinder, baute Drachen auf dem Herbstfest und organisierte Flohmärkte. Es war das erste ehrenamtliche Engagement meines Lebens und es fühlte sich gut und richtig an.

Wenn wir an schönen Sommerabenden die Feuerschale vor das Platzhaus stellten und ich meine Gitarre auspackte, versammelte sich schnell ein bunter Haufen rund ums Feuer: Mütter und Väter mit ihren Kindern, Punks mit ihren Hunden und gestrandete Existenzen mit ihren Flaschen. Aber was soll ich sagen? Es funktionierte. Das Feuer und die Musik waren wie Kitt, der alle Schichten miteinander verbindet. Wer jemals beobachtet hat, wie eine schwer tätowierte und gepiercte Punkerin einer Dreijährigen das Geheimnis eines guten Stockbrots erklärt, weiß wovon ich spreche.

Als ich im Jahr 2011 aus privaten Gründen nach Charlottenburg gezogen bin, war das wie ein Umzug in ein anderes Land. Hier in unmittelbarer Kudamm-Nähe ticken die Uhren anders und einen Ort der Begegnung wie das Platzhaus sucht man hier vergebens. Manchmal denke ich etwas wehmütig an die Zeit auf dem Helmholtzplatz zurück, besonders an lauen Sommerabenden. Aber dann sage ich mir: Ich war dabei und habe unbezahlbare Momente erlebt, die mir niemand mehr nehmen kann. Und genau darum geht’s doch im Leben, oder?

Von meinem Freund und Gastautor Martin: Lieber Martin, danke für deinen Text und dass du mir deine „hidden spots“ gezeigt hast. Ja, Berlin ist heute anders als damals. Aber die unterschiedlichen Momente kann uns in der Tat niemand nehme (auch wenn unsere Definitionen sehr unterschiedlich sind, siehe mein Escort Artikel).